Zeitmaschine für Zwei

Als ich heute früh, viel zu früh für einen freien Sonntag, aufwachte, dachte ich: „Oar neee…viel zu früh! Aber okeh, dann bring’s hinter dich, Mea!“ Ich stand auf, kochte eine Thermoskanne Kaffee, dreht mir eine erste Zigarette, rauchte sie am Fenster und schrieb los:

Heute kommen die drei Worte von Stefan:
#TopSpin
#Olivenöl
#Weltraumorgel

Er hat wirklich sehr schlau gewählt, wie ich finde. Sicher hatte er eine ganz ähnliche Geschichte im Sinn, bei diesen Worten … ich kann es mir eigentlich kaum anders vorstellen.

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Zeitmaschine für zwei

Noch bevor Sal an diesem Morgen aus dem Küchenfenster sah, wusste er, Peppa musste schon seit Stunden wach sein. Es war Wochenende. Sie war eine Frühaufsteherin und genoss die ersten ungestörten Stunden für ihre Projekte.
Sal nahm sich eine Tasse Kaffee und beobachtete seine Freundin. Wie sie da so hockte vor ihrem aktuellen Projekt und den Schweißbrenner anschmiss, empfand er als ungemein sexy.
Spätestens jetzt hätte der Lärm ihn eh geweckt, dachte Sal. Nahm eine weitere Tasse aus dem Küchenschrank, befüllte sie mit dem Restkaffee und ging hinaus in den Garten. Zu Peppa.
Sie bemerkte ihn nicht. Der Lärm. Und alles. Sie war so richtig vertieft in das, was auch immer sie da tat.

Peppa erschreckte nicht als Sal die Tasse Kaffee in das Sichtfeld ihrer Schraubringbrille mit den sinnvoll getönten Gläsern schob. Sie zuckte nicht mal zusammen.
»Na Schlafmütze, da bist du ja endlich!« Peppa schob sich die Brille auf die Stirn, legte den Schweißbrenner aus der Hand und begrüßte Sal. Auf ihre Art! Dann endlich nahm sie die Tasse und tat einen hörbaren Schluck.
»Was machst du heute, Peppa?«, fragte Sal und war auf alles vorbereitet. Er kannte sie seit ein paar Wochen. Und sie hatten einige Wochenenden gemeinsam verbracht, an dem er sie so oder ähnlich im Garten fand.
»Moment!«, sagte Peppa. »Lass mich das kurz zu Ende bringen!« Die Tasse gab sie Sal zurück, die Brille schob sie wieder vor die Augen und schmiss den Schweißbrenner an.
Sie brüllte gegen den Lärm: »Bring mir mal bitte eine Rouladennadel aus der Küche, einen Nylonfaden und das Olivenöl. Das Gute, bitte.« Etwas leiser, aber für Sal immer noch hörbar ergänzte sie: »Wir wollen schließlich kein Risiko eingehen…«
Sal wunderte sich nicht. Er war das ja irgendwie schon gewohnt. Auch wusste er, kurz bevor er die Tür zur Küche erreichte, fiel Peppa immer noch etwas ein, was sie dringend benötigte. Das war immer so. Und tatsächlich. Peppa schrie: »Und eins meiner Zopfbänder, bitte!«
»Welche Farbe?«, schrie Sal zurück, bekam aber keine Antwort.
Auch wie immer.
Er suchte all die Dinge zusammen, Rouladennadel, Nylonfaden, das gute Olivenöl. Beim Zopfband improvisierte er. Er nahm das Grüne. Grün ist nie verkehrt.
Er brachte alles zu Peppa in den Garten.
»Oh das Grüne! Wunderbar!«, sagte sie und band sich ihre Haare im Nacken zusammen.
Sie nahm auch alles andere lächelnd entgegen und tat damit Dinge, die Sal nicht verstand. Nicht ungewöhnlich, aber auch darüber wunderte er sich nicht mehr.
Sal hatte nun Zeit sich dieses neue Kunst-Schrottteil-Dings-was auch-immer, genau zu besehen. Er sah Schrauben und Blech. Zwei alte Klappstühle, über die er neulich im Schuppen gestolpert war und sich den Zeh verdreht hatte. Den Kleinen. Die Erinnerung daran war schmerzhaft.
Sein Blick wanderte weiter über Uhren, Wecker, Schalter, Hebel, Leuchtioden, Reklameschilder, alles verbaut in einer Art Konsole. Unter einem besonders ansehnlichen Hebel stand in Peppas schönster Handschrift »TopSpin« geschrieben. Was auch immer das bedeuten sollte, es machte Sal ungeheuer neugierig auf mehr. Dann kamen auf einem Unterbodenblech eben diese zwei zehenverdrehenden Klappstühle. Dazwischen ein Getränkehalter für zwei Dosen und eine Tüte Erdnüsse müsste auch noch reinpassen. Natürlich war da auch ein Aschenbecher. Cool, dachte Sal, da ist ja sogar ein mp3-Player, Kopfhörerbuxen und hinten…
»Oh, NEIN!«, schrie er.
Peppa schreckte auf. Schweißbrenner aus, Schraubringrille auf die Stirn geschoben.
»Was ist, Liebster?«, fragte sie und ernstliche Sorgen verzehrten ihr Gesicht.
Sal brauchte einen Moment, um nicht schon vorab aus der Haut zu fahren.
Doch da sah Peppa worauf sein Blick heftete und sie ahnte: Jetzt wird es kompliziert.
»Ist… ist… d-d-das etwa meine…« Sals Gesicht verlor alle Farbe. »Ist das meine Weltraumorgel?«
»Ja«, flüsterte Peppa. Ihre Augenlieder zuckten. Für Sal eine eindeutige und höchstdramatische Mikroexpression.
»Spielt sie noch, Peppa, sag bitte… spielt sie noch?« Sals Stimme zitterte.
Peppa erstarrte. Wieder zuckte eins ihrer Augenlieder.
Sal wusste genau was das bedeutete: Entweder seine geliebte Weltraumorgel spielte nicht mehr, und Peppa bedauerte dies sehr. Oder, seine geliebte Weltraumorgel spielte noch, … und Peppa bedauerte dies sehr.
Es verstrichen einige quälende Sekunden voller zuckender Augenlieder und reglosem Starren.
»In Notfällen…«, begann Peppa zart. »In Notfällen spielt sie noch.«
Sal war erleichtert und auch ein wenig besorgt.
»Was für Notfälle?«, fragte er.
Peppas Augenlied hörte auf zu zucken. Es war an der Zeit, ihm zu sagen, was für eine tolle Erfindung sie an diesem frühen Wochenendmorgen erfunden hatte.
»Du musst wissen, Liebster, ich habe uns eine Zeitmaschine gebaut«, begann sie. »Und deine Weltraumorgel könnte nützlich sein. In Notfällen… Universaler Art. Wir haben ja beide keinerlei Erfahrung mit Zeitreisen. Und wer weiß, wer uns begegnet. Aber mit deiner Weltraumorgel an Bord können wir uns, solang’s das Universum betrifft, sicher mit Vielen und Vielem verständigen…«
»…in Notfällen«, sagte Sal, noch etwas benommen von den erhaltenen Informationen.
»Genau!« Peppa atmete ein zögerliches doch beherztes Lächeln aus und wartete auf eine weitere, eindeutigere Reaktion von Sal.
»Eine Zeitmaschine?«, fragte er.
»Genau!«, antwortete Peppa wieder.
Sal reagierte noch immer nicht eindeutig.
»Eine Zeitmaschine für Zwei. Wir können gleich los«, lockte ihn Peppa. »Und du darfst entscheiden, wo wir hinreisen. Vergangenheit oder Zukunft?«
Sein Körper und sein Hirn schienen sich zu entspannen. Peppa erkannte aufkommende Freude.
»Wow…«, sagte Sal endlich. »Wow, wow, wow… der Wahnsinn! Das habe ich mir immer gewünscht.«
»Ich weiß!«, antwortete Peppa erleichtert. Sie hoffte schon den ganzen Morgen, er würde sich so freuen, wie er es jetzt tat.
Er küsste sie.
»Wollen wir vielleicht, so für den Anfang, in die Vergangenheit? Nur kurz. Ein Jahr oder so? Zum Üben.«
»Auf keinen Fall!«, rief Sal.
»Warum?«, wunderte sie sich.
»Weil wir uns da noch nicht kannten. Ich reise nirgendwohin, wo wir nicht wir waren…«
Sals Entscheidung stand fest.
»Na dann, Zukunft. Ein Jahr?«
»Quatsch, 10 Jahre… oder gleich 20! Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, Süße!« Sal war plötzlich ganz aus dem Häuschen. Feuer und Flamme. Peppa mochte das.
»Gut, dann 20 Jahre«, sagte sie und stellte den Wecker und den Kalender, setzte sich auf den Klappstuhl und stellte die Rückenlehne gerade.
Natürlich wollten sie so schnell wie möglich los reisen. Sal setzte sich auf den Beifahrerklappstuhl und blickte noch einmal über seine Schulter zu seiner geliebten Weltraumorgel. Er seufzte. Nur kurz und so leise wie möglich. Peppa hörte es trotzdem und strich ihm sanft über seine Wange.
»Sie spielt noch…«, flüsterte sie und küsste ihn.
»In Notfällen…«, wiederholte Sal und lachte.
Beide lachten und ihre Reise, zwanzig Jahre in die Zukunft, begann genau an diesem Tag.
»Was ein Abenteuer!«, riefen die beiden abwechselnd.
Insgesamt brauchten die beiden für diese zwanzig Jahre in die Zukunft, ungefähr nur knappe zwanzig Jahre.
Notfälle gab es keine!

Beim Schreiben dieser Geschichte lief: Hael – Ready. Mehrfach natürlich 😀

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