Tür zum Garten

Heute schnelle drei Worte von mir aus meinem Relikterepertoire. Aus Gründen, die später am Abend, noch mit Gin zu tun haben werden.

#Kupferdiacetat
#Schüppe
#Schmetterlinge

(Am Ende mit Ton)

 


Tür zum Garten

 

Seit einigen Tagen schon halte ich den Griff der Tür in der Hand. Ich drücke ihn herunter, ohne daran zu ziehen. Ich lasse los, gleich, denke ich bei mir. Und atme. Tief ein. Lang aus.
Ich lasse ihn nun los, den Türgriff, oder doch nicht und mache auf dem Absatz kehrt.
In Zeitlupe, weil das in Filmen ganz dramatisch wirken würde.

Ich gehe zur Abseite im Flur. Hole Gießkanne, kleines Schüppchen, Dünger. Gehe in die Küche. Fülle Wasser in die Kanne.
„Ah, verdammt, zu voll!“, schimpfe ich, als ich sie auf den Boden stelle und eine beachtliche Pfütze auf die Küchenfliesen platscht. Ich wische sie nicht weg. Mal sehen, ob zwischen den Fliesenfugen noch etwas anderes wächst außer Grünspanschimmel.
„Du meinst Grünbelag. Grünspanschimmel gibt es nicht. Grünspan besteht aus Kupferdiacetat und hat auf diesen Fliesen nichts zu suchen. Das weiß man doch!“, höre ich mich lautsagen.

Ich halte den Griff meiner Tür in der einen Hand, die Gießkanne in meiner anderen, Schüppchen und Dünger klemmen unter meinem Arm. Ich drücke den Griff herunter, ohne daran zu ziehen. Ich warte. Auf was, weiß ich nicht. Einen nächsten Atemzug, vermutlich. Lang aus. Tief ein.

Was hinter der Tür liegt, gehört mir. Mir allein und die alltäglichen Verrücktheiten bleiben darin verborgen. Das ist schön!
„Alltägliche Verrücktheiten? Nichts Verrücktes ist Alltag, denn alle Tage sind anders verrückt!“, sage ich laut und freue mich über den Klang und den süßherben Abgang der Worte von meinen Ohren in das Gehirn. Ich mag es, Wörter auf diese Art verklingen zu hören.

Doch zurück zur Tür, zur Gießkanne, dem Schüppchen, Dünger und mir. Mir, die an der Tür steht und mit einer Hand den Griff umklammert als würde er fortfliegen, wenn ich ihn loslasse. Wie ein Vogel, ein ziemlich dürrer.

Ich warte auf einen Atemzug. Also den einen, mutbringenden Atemzug.
 Es kann sich nur um Tage handeln. Vielleicht Stunden. Eventuell Minuten. Niemals Sekunden.

Unglaublich, da war er jetzt. Ich habe ihn eingesogen als gäbe es keinen Nächsten. Er war eindeutiger als der reflexartige Atemimpuls, der mich sonst so auf den Beinen hält. Kraftvoll. Entschlossen.

Ich drücke den Türgriff herunter und ich ziehe daran. Ich öffne die Tür und mache einen großen Schritt in meinen Garten. In Zeitlupe, weil das in Filmen ganz dramatisch wirken würde.

Nun stehe ich in meinem Garten und bewundere meine Neurosen. Sie sind gewachsen. Stehen in voller Blüte. Ich rieche daran und kippe beherzt das Wasser über sie. Dünger brauchen sie nicht. Sie wachsen von ganz allein.
Mit der Schüppe verjage ich all die lärmenden Schmetterlinge.

 

 

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