Sie machte erstmal Musik an

Diese drei bis vier Worte kamen heute von Tinka! #Punktlandung #Kerzenhalter #Büstenhalter – ach, nein, ach doch – #Klorollenhalter

Was für grandiose Worte… darum nahm ich diesmal auch vier statt drei! Danke Tinka…

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»Tadaa! Punktlandung!«
Der Büstenhalter von Oma Klara drehte noch ein paar extra-Kreise um den antiken Kerzenhalter, bis er – Schalen nach oben, lila Spitze nach unten – auf dem Küchentisch landete. Sie liebte dieses befreiende Gefühl, wenn sie nach einem langen Tag nach Hause kam. Daneben feuerte sie den Hausschlüssel und die Einkaufstüte. Wie sie das halt auch immer so machte.
Oma Klara war fidel. Sie hasste dieses Wort, hörte es aber ständig. Denn das kam den meisten Menschen in den Sinn, wenn sie eine rüstige Seniorin, wie Oma Klara eine war, antrafen. Sie fühlte sich nicht wie eine Seniorin und schon gar nicht wie eine Oma. Die Nachbar-Blagen nannten sie mal so, vermutlich weil sie das nett und passend fanden, oder dachten sie täten ihr einen Gefallen oder bekämen Schokolade oder so. Oma Klara biss kräftig die Backenzähne aufeinander und lächelte freundlich und hoffte, dass dieser dämliche Spitzname schnell wieder vergessen war. Pustekuchen! Sie war ab da für alle und – scheißeverdammt – wohl auch für immer »Oma Klara« und sie versuchte diesen Rotzgören zukünftig aus dem Weg zu gehen.

Sie machte erst mal Musik an.

Sie hatte sich gestern Abend eine neue Playlist zusammengestellt, denn heute Abend gab es noch viel zu tun. Zuerst verstaute sie ihre Einkäufe zu Bon Jovi. Danach spülte sie das Geschirr von Gestern zu David Bowie. Anschließend kochte sie Spaghetti zu Boy George.
Sie musste dringend zum Klo zu Iggy Pop.
Als sie gerade eine neue Rolle in den Klorollenhalter schob, klingelte es an ihrer Haustür Sturm.
Sie seufzte, zog ihren Schlüpfer hoch, zog ab und wusch sich provisorisch die Hände zu Billy Idol.
Und sie öffnete die Tür… immer noch zu Billy Idols ‚Dancing with myself‘. Sie liebte diesen Song!

Vor der Tür das junge Paar von Gegenüber.
Oma Klara schwieg, schaute fragend. Mehr nicht. Sie hatte in all den Jahren gelernt: manchmal ist es besser, einfach die Klappe zu halten und abzuwarten.
Der junge Mann räusperte sich.
»Entschuldigen Sie die Störung, Oma Klara.«
Oma Klara knurrte innerlich, behielt aber ihr Lächeln.
Er räusperte sich und begann erneut: »Entschuldigen Sie, könnten Sie wohl ihre Musik leiser drehen?«
Oma Klara kotzte. Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Ausgerechnet heute.
Sie schaltete blitzschnell, wie es so ihre Art war und stellte sich taub. Seniorentaub!
»Wie bitte?«, rief sie in dreifacher Lautstärke. »Ich versteh sie so schlecht, junger Mann. Ich bin fast taub, müssen Sie wissen.« Sie brüllte jedes einzelne Wort durch den kompletten Hausflur.
Ihn ergriff peinliches Starren.
Die Nachbarsfrau schritt ein und wiederholte ihren Wunsch. Deutlichst und mehr als laut.
»Die Musik!«, schrie sie. »Machen Sie die Musik leiser!«
Oma Klara: »Wie bitte? Ach sprechen Sie doch bitte in mein gesundes Ohr…« Sie dreht ihren Kopf etwas zur Seite und lies die beiden ihren Spruch noch mal wiederholen.
Und nochmal.
Und nochmal.
Und nochmal.
Mittlerweile nochmal zu Tom Waits.
Und nochmal…
Oma Klara hatte Ausdauer. Sie war fest entschlossen, sich ihren Abend nicht vermiesen zu lassen.
Noch ein weiteres Mal lies sie sie in ihr Ohr brüllen, dann zückte sie ihre Geheimwaffe. Sie sprach: »Kommen Sie doch rein, bitteschön! Sie müssen doch nicht im kühlen Hausflur stehen, ich bekomme ja nie Besuch, ich freu mich immer, wenn die Nachbarn bei mir klingeln… Kommen Sie, kommen Sie…ich koch uns Kamillentee und dann erzählen Sie mir, was die jungen Leute von heute so alles beschäftigt.«
Sie ging ein Stückchen zur Seite und gab den Blick frei in ihre Wohnung, auf ihren Küchentisch, auf ihren lila Büstenhalter, den Kerzenhalter, ihr rotes Sofa, und alles…
Die beiden Küken glotzten, winkten zwar freundlich, aber winkten ab. Er zog seine Frau zurück in die eigene Wohnung. Sie stolperte über ihre fürchterliche Fußmatte.
Oma Klara schloß zufrieden ihre Wohnungstür zu Skunk Anansie und freute sich auf einen ungestörten Abend mit Spaghetti, Gin Tonic und ihre restliche Playlist.

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