Roggenbrot aus Riga

Drei Worte aus einer Urlaubsreife heraus gefunden:

#Riga #Spazierstock #Tourist

Für mich, einen anderen jemand und für alle, die gern auf Märkten wohnen.

Roggenbrot aus Riga

Heute war Dienstag. Lettis und Haris beluden wie an jedem Morgen – außer sonntags – um 3 Uhr 40 ihren weißen Transporter mit den Roggenbroten, die sie am Abend vorher gebacken hatten.
»Schon etwas rostig die alte Karre«, murmelte Haris, wie an jedem Morgen.
»Aber bisher fährt sie uns immer zuverlässig«, sagte Lettis und tätschelte dem Transporter einmal zärtlich über die Kofferraumklappe, auch wie an jedem Morgen.
Die beiden Geschwister waren ein eingespieltes Team. Seit sie denken konnten, backten sie Brote. Sie haben es von ihrer Oma gelernt. Und seit sie denken konnten, und nicht mehr in die Schule gehen mussten, was wirklich schon lange her war, fuhren sie an jeden Wochentag – außer sonntags – ihre Roggenbrote zum Zentralmarkt nach Riga.
Sie liebten was sie taten. Sie brauchten nicht mal Urlaub. Ein Sonntag, alle sieben Tage, reichte ihnen, um mal durchzuatmen. Dann vermissten sie schon den Montag und konnten meist vor lauter Vorfreude kaum einschlafen.

»Wir arbeiten da, wo andere Urlaub machen. Weißt du das eigentlich Haris?«, fragte Lettis als sie schon längst alle Brote ausgeladen und ihren Marktstand aufs Neue dekoriert hatten.
»Ja, das weiß ich, Lettis. Bist du bereit für Musik?« Haris wartete nicht auf die Antwort, denn er kannte sie. Er stellte das Radio an. Es gehörte zu ihnen, zu ihrem Markstand und zu ihren Broten. Nichts ging ohne Musik.
Es war das Zeichen, dass sie bereit waren zu verkaufen. Schnell bildeten sich Schlangen. Der Duft der Brote trug sich durch alle Markthallen. Vom Birkenwasserwein, zu den Neunaugen, bis hin zur Hanfbutter ganz am Ende des Marktes. Alles gute Produkte, speziell für diese Region. Doch nichts von alledem funktionierte ohne ihr Roggenbrot.

Gegen 7 Uhr 30 mischten sich die ersten Touristen unter die Einheimischen. Lettis und Haris erkannten sie sofort. Touristen hatten es nie eilig. Ihre Blicke waren anders als die der Stammkundschaft. Neugierig und unwissend.
Lettis und Haris liebten sie.
Mindestens einmal am Tag begegneten ihnen dann auch ganz besondere Exemplare. Diese waren irgendwie noch verschlafener von einer noch längeren Reise, aber gleichzeitig waren sie munter und ausgelassen. Sie trugen Kaffeebecher wie Spazierstöcke und sie lachten viel und staunten über so etwas Lächerliches wie die Farbe von Orangen. Sie waren übernächtigt und euphorisch, wie es halt nur im Urlaubsmodus möglich war. An diesem Morgen war dieses besondere Touristenpaar ein riesengroßer Mann und eine winzigkleine Frau. Gemeinsam sahen sie so aus, als ob sie sich zufällig dort getroffen hätten. Lettis erkannte den Beziehungsstatus der Touristen auf den ersten Blick. Jahrelange Erfahrung gepaart mit feiner Intuition. Da machte ihr keiner was vor.
Der Duft des Roggenbrotes nahm die beiden Fremden beinahe gleichzeitig gefangen.
»Schau mal Haris! Die bleiben gleich hier stehen!«
Und tatsächlich. Zuerst glotzten sie schüchtern über ihre prächtige Roggenbrot Auslage. Dann steckten sie zeitgleich ihre Hände, jeweils die ohne Kaffeebecher, in die Säcke mit dem Deko-Roggen, die wie immer vor ihren Broten standen.
Lettis kicherte leise.
»Das machen wirklich nur die Klugen, die Seltenen, die Besonderen«, flüsterte Haris und Lettis nickte.
»Do you like to taste rye bread?«, sagte Lettis. Englisch war nicht so ihrs. Deutsch noch viel weniger. Bisher hatte sie noch jeder Tourist verstanden, spätestens wenn sie den Teller mit den Brotwürfeln über ihre Theke reichte, war alles klar.
Beide griffen zu.
Die Winzigkleine schloss für einen Moment die Augen. Als hätte sie genau auf diesen Augenblick gewartet. Der Riesengroße lachte und warf dabei seinen Kopf in den Nacken. Es schmeckte beiden.
Lettis und Haris wussten, Touristen konnten nicht so viel kaufen, wie sie vermutlich gern wollten. Handgepäck und so. Aber das war ihnen egal. Nicht wichtig. Sie verkauften genug an Einheimische, um ein gutes Leben führen zu können. Diese beiden sollten, hier auf diesem Markt, die Produkte der Region tüchtig probieren können und sich für immer an ihr Roggenbrot erinnern. Das war dem Geschwisterpaar viel wichtiger als jeder Reichtum.
Haris machte kurzen Prozess. So wie er es immer tat, mit den klugen, den seltenen, den besonderen Touristen. Er nahm eins der Brote, teilte es gerecht und schenkte es den beiden.
»Paldies!«, stotterten die beiden Touristen das vermutlich einzige Wort, das sie auf Lettisch kannten, und betonten es ganz falsch. Nicht schlimm.
Süß, dachte Lettis. Haris lächelte und nickte den beiden zu.
Sie würden das Brot auf ihrer Reise über den Zentralmarkt wirklich gut gebrauchen können. Der Riesengroße und die Winzigkleine würden es nie wieder vergessen.
Haris und Lettis sahen ihnen noch eine Weile hinterher. Bis zu den Neunaugen. Die schmecken köstlich mit dem Roggenbrot aus Riga.


Schlaft gut. Und träumt besonders:

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