Letztendlich wird’s ein Liebeslied

DreiWorte von Axel – #Businesskasper #Clubsterben #Legalisierungsdebatte

Letztendlich wird’s ein Liebeslied

Als ich aufwache, sitze ich in einem Meeting. Thema ungewiss. Wo war ich mit meinen Gedanken? Wer war ich in meinen Gedanken? Wer bin ich jetzt? Wer ist aus mir geworden?
Die bittere Erkenntnis über mein Ichselbst trifft mich faustschlaggleich mitten auf die Nase. Ich niese.
Fresse, denke ich. Fresse, Fresse, Fresse. Haltet doch bitte alle mal die Fresse, denke ich so laut, dass die Gedanken beim Verlassen meines Schädels ein Ächzen aus meiner Kehle drücken.
Ich ernte Seitenblicke und Räuspern. Einer der anderen Businesskasper unterbricht seinen Monolog über dieses ungewisse MeetingThema, um mein Ächzen nicht unkommentiert zu lassen: »Möchtest du endlich auch was dazu sagen, Thomas?«
Ich schüttle meinen Kopf. Es ist ein trainierter Reflex. Und ich fühle abgrundtiefe, feige Wut, die von innen gegen meinen Schädel hämmert. Fresse, Fresse, Fresse, denke ich. Unzählige Hammerschläge.
Ich verlasse das vollbesetzte Büro noch vor dem nächsten drohenden Ächzen, das schon längst in meiner Kehle um meine Freiheit kämpft. Blinde Blicke, die sich in meinen Rücken bohren, missbilligen meinen Abgang.
Das Ächzen in meiner Kehle wächst zum ausgewachsenen Brechreiz. Ich erreiche das Klo mit einem finalen Würgen.
Die Spülung hat wenig erlösendes. Wäre ich ein Poet, würde ich diesen Moment »Sinnbild für rotierendes Erwachen« nennen. Aber ich bin kein Poet. Darum wische mir einfach die Kotze-Reste mit dem Handrücken vom Mund.
Noch ein Faustschlag als ich in den Spiegel blicke. Ich bin einer von ihnen. Wie konnte das passieren? Wo war ich in den letzten 16 Jahren? Was ist aus mir in der verschlafenen Zeit geworden?
Ich beobachte diesen fremden Mann im Spiegel, wie er seine Krawatte in den Nacken legt, bevor ich mir eiskaltes Wasser ins Gesicht schaufle.
Es hilft.
Ich wache auf und fühle mich stark genug für die Realität. Naja, so stark wie mensch sich eben für die Realität fühlen kann.
Ich bin Thomas, 41 Jahre und damit ganz klar dem Club »Sterben« näher als dem Club »Leben«, ich bin leitender Angestellter eines Pharmakonzerns und mehr bin ich nicht. Ich trage schicke Hosen mit Bundfalten und nenne sie Chinos, freitags tausche ich gestärkte Hemden und Krawatten gegen Poloshirts in Knallpastellfarben. Ich habe keine Hobbys außer die Frühstückscerealien nach Mindesthaltbarkeit zu sortieren. Mal absteigend, mal aufsteigend.
Ich habe die letzten 16 Jahre verschlafen, als hätte ich den Albtraum genossen.
Schlussaus. Ich bin wach. Ich bin raus.
Die Sonne bricht durch die seit Tagen anhaltende graue Wolkendecke als ich das Bürogebäude verlasse. Ein Sinnbild. Ein Wegweiser. Ich suche meinen Weg querfeldein. Der Poet in mir gewinnt die Legalisierungsdebatte über die Entkriminialisierung von Sauerstoff. Beton versus Bäume, lautet der Titel meines ersten Gedichts.
Ich bin frei, ich brauche keinen Plan, ich habe frische Luft.
Auch meine Kehle ist frei für ein Seufzen und ein Hachen und ein Rufen und ein herzhaftes Lachen.
Der Poet in mir schreibt ein Liebeslied und ich wähle Anjas Nummer, um es für sie zu singen.
Nach nur einem Klingeln geht sie endlich ran, als wüsste sie schon längst über alles Bescheid.
Sie hört zu, ihr gehören alle Strophen und uns beiden der Refrain.

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