Hungrige Worte

Drei Worte für eine Geschichte voller Wetter.

#BlumenBindeWerkstatt (für Jeannette)
#Blutwurstmanufaktur (von Mick)
#Zone (kam per Mail ohne wirklichen Absender von Racktolle87(??))

Hungrige Worte

Hinter den rauchenden Schornsteinen der BlumenBindeWerkstatt hüllte die untergehende Sonne die daneben gelegene Blutwurstmanufaktur in ein verräterisch rotes Licht.
Ein langer Tag ging endlich zu Ende. Julia und Otto waren, wie schon an den vergangenen Tagen, die letzten, die noch übrig blieben.
»Das Wetter erinnert mich daran, dass ich mal wieder etwas stricken könnte.«
Julia sah an sich herunter. Ihr blutverschmierter Kunststoffkittel hatte eine Dusche nötig. Genau wie sie selbst. Sie musste nach diesem viel zu langen Tag endlich den Geruch loswerden.
»Das Wetter?«, fragte Otto.
»Klar! Was sonst?«
Julia öffnete die Druckknöpfe ihres Kittels. Darunter war sie nackt. Otto wusste nicht wo er zuerst hinglotzen sollte. Blind vor Scham griff er Julias Kittel und warf ihn zu den anderen. Er selbst behielt seine Kunststoff-Kutte lieber an.
Otto wusste keine Antwort auf Julias ‚wer sonst‚, denn es gab vermutlich keine.
»Ok. Und was willst du stricken?«, fragte er stattdessen.
»Natürlich einen Schal. Otto! Ich bitte dich! Schau dir doch nur mal das Wetter an. Wie kannst du diese Frage da nur denken, geschweige denn laut fragen?« Julia schüttelte den Kopf mit einer wild explodierenden Mischung aus Verständnislosigkeit und Entschlossenheit. Ein Anblick, der Otto faszinierte. Also… entweder faszinierte ihn das oder die Tatsache, dass Julia nun nackig wie sie war, unter die Dusche stieg, das Wasser anstellte und zur Seife griff. Kernseife. Alles andere übertönte nur den Geruch. Kernseife tötete ihn.

Heißer Dampf tauchte Julia in eine feuchte Wolke, die nach nichts duftete.

»Was wäre eine gute Frage, Julia?« Otto war nervös. Julia und ihre hungrigen Worte, ihre durstigen Sätze, ihre … ach, dachte Otto. Denn er kam nicht weiter mit seinen Gedanken. Julia, die Nackte gleichwie die mit dem blutverschmierten Kunststoffkittel, machte ihn nervös. Und das schon seit dem ersten gemeinsam durchlebten Tag in dieser idyllisch gelegenen Blutwurstmanufaktur.
Alltäglich lief es gleich ab zwischen ihm, ihr, dem Kittel, der Dusche und seinem Gehirn:
Es beginnt damit, dass sie etwas sagt. Etwas wie, dass das Wetter sie daran erinnere, dass sie mal wieder etwas stricken könne. Und schon bekam Otto Hunger und Durst auf mehr. Chipstütengleich griff er dann zur nächsten Frage, um mehr von ihr zu hören, um Julias Redefluss nicht verhungern zu lassen. Kein Satz und keine Frage sollte zwischen ihm und ihr ungesagt verdursten. Das war Otto wichtig.
»Frag nach der Farbe, Otto! Damit machst du nie etwas verkehrt.« Wenn Julia so etwas sagte, war es immer gleich logisch und total einleuchtend.
Julia seifte sich gründlich ein, ja sie schrubbte regelrecht mit dem bröseligen Kernseifestück über ihre beigeseidige Haut, die Otto mittlerweile so gut kannte. Empfindliche Hautregionen färbten sich wohligdurchblutet rosarot.
Otto spürte wohligdurchblutete Zonen außerhalb seines Gehirns.
»Welche Farbe?«, flüsterte er diese einzig logische Frage.
»Such dir eine aus«, sagte Julia. »Den Schal mache ich für dich!«

Otto konnte nicht antworten, keine Farbe denken, denn da war nur Freude und Hoffnung und Furcht.

Würde ihm rechtzeitig eine Farbe einfallen? Würde das Wetter Julia auch morgen wieder ans Stricken erinnern? Würden sie ausreichend Tage gemeinsam in dieser abgeschieden gelegenen Blutwurstmanufaktur überleben, damit der Schal lang genug werden konnte? All das fragte sich Otto, als er irgendwann allein in den Abend hinausging und entlang der rauchenenden Schornsteine der BlumenBindeWerkstatt einem neuen langen Tag mit Julia entgegen sehnte.


Im Hintergrund lief:

das erklärt vielleicht einiges. 😀

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