Frieren im Sommer

Ihr war kalt, und das obwohl draußen Sommer war. Schon den ganzen Tag, schon die ganze Nacht, genau wie gestern, genau wie gestern nacht. An jedem Tag und in jeder Nacht war ihr kalt. Sie glaubte, es war Absicht. Sie glaubte, es war Absicht, dass sie frieren sollte, damit sie frisch blieb.

Um sich von der Kälte abzulenken, starrte sie auf die Weltkarte, die vor ihr an der Wand über dem Schreibtisch hing. Sie sah auf dem ersten Blick: es war eine alte Karte, eine sehr sehr alte Karte. Bonn war darauf noch als Hauptstadt von Deutschland mit einem Sternchen markiert. Und Deutschland selbst war durch eine Grenze zwischen Ost und West unterteilt.

Sie hatte keine Ahnung von Erdkunde oder Geologie oder wie das hieß. Aber sie wusste, das war definitiv nicht mehr aktuell.

Sie fror.

Sie musste sich etwas neues überlegen. Sie suchte nach Orten auf der Karte, in denen es jetzt warm sein müsste. Ihr Blick wollte nicht von Afrika weichen.

Es half nicht.

Plötzlich, und sie wusste gar nicht genau warum, dachte sie an das Wort ‚Gefrierbrand‘. Wie lächerlich es ihr erschien.

Wie kann etwas gefrieren und gleichzeitig brennen?

Sie musste nicht lang auf eine Antwort warten. Die Kabelbinder, die ihre Hände hinter dem Stuhl auf dem sie sitzen musste, fest zusammen schnürten, rissen langsam aber sicher blutige Fetzen Haut von ihren Handgelenken. Der kalte, salzige Schweiß, der an ihrem Körper herunter rann, brannte furchtbar in diesen Wunden.

Gefrierbrand, dachte sie und lachte zähneklappernd, bis ihr tatsächlich etwas wärmer wurde.
Erst als sie seinen Schlüssel im Schloss kratzen hörte, verstummte sie.

Sie fror wieder.

 

Die drei Worte von heute:
#Weltkarte #Kabelbinder (beide von Sonja)
#Gefrierbrand (von Regina)

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