die ungenügende Frau.

Heute bin ich in einer sehr… angeschlagenen Stimmung. Einer Stimmung, die mich nachdenklich macht. Und wütend. Vorwiegend auf mich selbst. Aber auch auf andere und für andere. Und ich weiß, dass es viele wütend macht und nachdenklich. So wie mich.

Aber lest selbst und urteilt nicht. Versteht, oder schweigt, oder ignoriert, oder weint, oder habt eine Lösung. Andere Optionen fallen mir gerade nicht ein.

Meine Worte heute: #pingelig #Frau #ungenügend

Zum dritten Mal ging sie zum Fenster, öffnete es diesmal und drehte die Heizung herunter. Von vier auf null.
»Ich bin da pingelig was die Raumtemperatur angeht«, sagte sie.
Die anwesenden Männer kümmerte es nicht. Nur ein weiterer Ausschlag auf dem Schrulligkeitsbarometer, dachten einige. Andere waren noch mit ihrer Liste beschäftigt und schrieben ihre Notizblöcke voll.
Heute war der Tag der Abrechnung. Mann wollte Frau verkünden, was denn nicht so ganz stimmte mit ihr. Um ihr zu helfen oder um sie zu zerstören oder um sie zu demütigen oder um ihr etwas Gutes zu tun. Die Tarnung der stets gleichen Motivation schwankte stark von Mann zu Mann. Frau war ungenügend, und heute war der Tag der Aufrechnung.
Es war ein sonniger Tag, mit leichten Schauern, Hagelstürmen und mit Schnee. Aprilwetter. Da war sie sich sicher. Sie hatte viel zu tun mit dem Fenster, der Heizung, dem Öffnen und Schließen, dem Regulieren des Thermostats. Aber sie tat es gern, denn das Abwarten lag ihr nicht so und sie war da nunmal wirklich sehr pingelig mit der Raumtemperatur.
Mehrmaliges und abcheckendes Kopfnicken der munteren Männerrunde bestätigte, sie waren fertig mit ihren Listen.
Einer, ein besonders beeindruckendes Exemplar, mit hervorragender Singstimme ergriff das Wort. Er räusperte sich nicht, denn da war keine Spur der Unsicherheit, die hätte weggehustet werden müssen. Er wartete auch nicht auf Applaus, das hatte er nicht nötig, nahm ihn aber gern entgegen, als seine Kollegen in ein rhythmisches Händeklatschen einstimmten. Er nickte und bat nach einigen Minuten, um etwas Ruhe, denn sie hatten ja eine gemeinsame Mission.
Er verlas:
»Folgende Punkte möchten wir dir heute aufzeigen und für dein weiteres Leben schenken. Daran kannst und solltest du arbeiten, wenn dir etwas an uns liegt!« Er räusperte sich immer noch nicht, wartete nur auf ein bestätigendes Raunen seinen Kollegen. Er bekam es prompt.
Sie setzte sich, legte ihre Hände vor sich auf den Tisch. Das Fenster war längst wieder geschlossen, die Heizung reguliert.
Er las weiter:
»Du bist hässlich, nicht besonders schön, und im allgemeinen zu pummelig. Fett, nennen es einige, dem möchte ich mich anschließen.«
Applaus.
»Du bist nicht spontan oder originell. Sei doch mal kreativ und gewitzt und überrasche uns. Mich besonders… Du bist langweilig… und verdirbst uns den Spaß am Leben. LEB DOCH MAL…sei offener. Das alles auch sexuell gesehen.«
Applaus.
Die Sonne blinzelte durch die regennassgetropfte Fensterscheibe. Es wurde wärmer. Sie zwang sich, noch einen Moment sitzen zu bleiben.
»Apropos sexuell. Kommen wir zu deinen Titten. Da sind wir uns uneinig, zu groß, zu klein, zu faltig, zu hängend, zu weit auseinander, zu wabbelig, nicht wabbelig genug, die Brustwarzen sind schief, zu viel BH, zu wenig BH. Das Endergebnis bleibt das selbe, sie sind scheiße.«
Sie weinte. Denn es wurde ihr zu warm.
Applaus.
Sie wollte das Fenster öffnen, aber sie traute sich nicht aufzustehen. Sie hatte Befürchtungen vor dem Urteil über ihren Arsch. Sie blieb sitzen.
»Ist das nicht wunderbar?«, fragte er. Eigentlich niemanden von dem er eine Antwort wollte.
Applaus.
»Du kannst nun endlich an dir arbeiten, dich verbessern. Kauf dir doch mal ein hübsches Kleid, zieh dich schön an, schmink dich doch mal und lächle mehr. Du hast so ein hübsches Lächeln, wenn du deinen schiefen Mund dabei geschlossen hältst.«
Die Männer klatschten noch ein bisschen und feierten, dass sie einer ungenügenden Frau helfen konnten, ihr Potential zukünftig besser zu nutzen. Für den nächsten Mann. Er würde es ihnen danken, falls sie diese Chance endlich ergreift und etwas aus sich macht.
Sie blieb sitzen und wartete bis alle gegangen waren. Dann öffnete sie das Fenster und drehte die Heizung herunter. Von Vier auf Null. Sie war pingelig mit der Raumtemperatur und sie war wütend.

Ihr habt es gelesen – urteilt nicht. Versteht, oder schweigt, oder ignoriert, oder weint, oder habt eine Lösung. Andere Optionen fallen mir immer noch nicht ein.

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