Der Gratwanderer

Es gibt Texte die liegen mir am Herzen. Sie waren früher schon mal hier an diesem Ort. Dann habe ich sie von der Seite gelöscht. Und jetzt krame ich sie halt alle wieder raus. Weil’s einfach und irgendwie sein muss. Darum hier und heute einmal nichts neues aus drei Worten, sondern von mir Geliebtes aus alten Worten. Aktueller als jemals zuvor.

In diesem Fall… wünsche ich jeder und jedem genau so einen Gratwanderer fürs Leben:

 

Der Gratwanderer
Er lebte viele Jahre am Rande eines Tals: ein Eigenbrötler. Verschlossen. Irgendwie war er auf leise Art doch in unheimlicher Weise ein Schrull. Er sprach selten. Seine wenigen Antworten auf die vielen Fragen, die man ihm stellte, flossen zäh wie Bergblütenhonig über seine rauen Lippen. Süß und beliebt waren alle seine Silben.
Jedem, dem er nur eines seiner versilberten Worte schenkte, überkam eine unnatürliche Lust und Sehnsucht nach mehr.
Er liebte es bei Regen seiner Körperhygiene im Freien zu frönen. Nichts erfrischte ihn mehr.
Die Menschen, die ihm begegneten, verliebten sich unsterblich in ihn; trotzdem oder gerade weil er so ein merkwürdiger Zeitgenosse war. Egal ob Mann oder Frau. Kind oder Greis. Millionär oder Maurer. Dieb oder Hure.
Seine Anziehungskraft war sein bescheidener Wagemut. Sein sensibles Schweigen. Sein bergblütiges Honigwort. Sein unnachahmlicher Duft nach im Regen geduschter Haut.
Sein wild-verwegenes Äußeres übernahm den Rest.
Er selbst gab sich nie einen Namen, seine Eltern kannte er nicht und auch sonst pflegte er keine Kontakte aus eigenem Antrieb heraus.
Man nannte ihn den Gratwanderer.
Menschen, die seinem Weg eine Zeit lang folgten, taten das aus unterschiedlicher Motivation. ‚Sinnsuche‘, hörte man oft. ‚Auszeiten‘, logen die Menschen ihren eigenen Status in die breite Öffentlichkeit hinein.
Nur wenige nannten es beim Namen: Trauer, Verzweiflung, Ausweglosigkeit, Neid, quälender Umtrieb, Ruhelosigkeit, Müdigkeit, Hass.
Der Gratwanderer lud niemals einen Niemand zu sich ein. Man fand ihn zum genau richtigen Zeitpunkt, am genau richtigen Ort. Gerade noch rechtzeitig. In letzter Sekunde. Im idealen und letzten Moment.
Vor dem Absprung.
Der Gratwanderer reicht seine Hand. Er reicht beide Hände demjenigen, der den Weg nicht mehr sieht, die Route nicht kennt, der Spur nicht mehr folgen kann. Jedem Menschen, der sich nicht mehr traut, an einer Kreuzung die Richtung zu erfragen. Denn er kennt den Weg. Er geht ihn regelmäßig und mit sicheren, geübten Schritten – die keinen Zweifel zurück lassen.
Dafür braucht er nicht viele Worte.
„Komm!“, sagt er. Sein Honigwort.
Darauf folgt niemals eine Frage, denn dafür gibt es keinen Grund. Er liest feinste, selbst ungetretene Spuren und wandert ohne Unterlass auf dem Grat des Unmöglichen und er zeigt Wege und Bergblüten und die schönsten Plätze, um bei Regen im Freien zu duschen. Er hält Hände und wartet bis es vorbei ist. Bis es gut ist. Bis es wieder geht.

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