Der Duft von Franzbrötchen

Tinka wünscht sich folgende drei Worte: #tüdeln #Puschen #Feudel
Und ich mache mir daraus eine Anti-Heimweh-Geschichte, denn Heimat ist keine Stadt und kein Land, eher ein Gefühl!

Der Duft von Franzbrötchen

Als ich mich endlich dazu durchgerungen habe, an ihrer Haustür zu klopfen, schlägt mein Herz mit voller Wucht gegen meinen Kehlkopf. Geradezu schmerzhaft. Ohrenbetäubendes Blutrauschen flutet jede einzelne meiner Hirnwindungen. Ich glühe und ich beginne fürchterlich zu schwitzen. Angstschwitzen. Mit feuchten Fingern tüdele ich mein T-Shirt eher schlecht als recht zurecht. Hilft nichts. Sie wird gleich öffnen. Wird sie gleich öffnen?
Sie ist vor zwei Monaten angekommen. Ihr Krams kam mit einem kleinen Transporter. Hamburger Kennzeichen. Ich war gerade auf dem Weg zum Wochenendeinkauf und habe diese ganze Szenerie eher beiläufig, weil müde, verfolgt. Nachbarn kommen, Nachbarn gehen. So ist das hier. Aber… Hamburger Kennzeichen. Nach all den Jahren, werde ich da immer noch aufmerksam.
Als ich sie etwas später zum ersten Mal genauer besah, stand sie verschwitzt und heulend auf dem Parkplatz und schaute unendlich traurig dem Transporter hinterher, der wieder zurück nach Hamburg fuhr. Ohne sie. Ich wusste, dass sie genau deshalb weinte. Schon da hatte ich das Bedürfnis, sie anzusprechen. Ich wollte ihr sagen, alles wird gut! Gib dieser Stadt, diesem Haus, deinen Nachbarn und vor allem mir hier ein paar Wochen und dann wird es besser gehen.
Ich bremste mich, denn ich wollte unsere Freundschaft nicht mit einer Lüge beginnen.
Wir sind uns seitdem fast täglich im Hausflur begegnet. Ich tastete mich langsam vor. »Moin«, sagte ich. Und ich erhielt ein überraschtes Glitzern von ihr. Sie lächelte stumm. Immer. Ein paar Tage später antwortete sie endlich mit einem leisen »Moin« und gestern sagte sie es zum allerersten mal zuerst zu mir. Ich war so perplex, dass ich nicht antworten konnte. Und jetzt stehe ich vor ihrer Tür, denn sie flutet den gesamten Hausflur mit einem mir wohlbekannten, schmerzlich vermissten Duft. Dem Duft von Franzbrötchen.

Die Tür öffnet sich. Ihre Haare sind verwuschelt. Sie trägt Jeans und ein dunkelblaues T-Shirt und ausgelatschte Birkenstock-Puschen. Schwarze Wimperntusche fließt in schmutzigen Rinnsalen über ihre Wangen. Sie weint.
»Komme ich ungelegen?«, frage ich.
»Nein«, sagt sie. »Weiß nicht«, ergänzt sie.
Sie scheint völlig durch den Wind.
»Ist alles in Ordnung?«, frage ich.
»Ja, warum fragst du?«
»Weil du weinst?«, frage ich mehr, als dass ich es feststelle.
»Ach so… das…«, sagt sie und wischt sich über ihre Augen, was die Pandaaugen noch mehr verdunkelt. »Ich backe Franzbrötchen.«
»Und deshalb weinst du? Sind sie nichts geworden? Sie duften herrlich, wenn ich das bemerken darf.«
»Darfst du. Sie sind fantastisch geworden. Möchtest du kosten?«
Sie macht eine einladende Geste in ihre Wohnung. Und nichts möchte ich lieber tun, als ihrer einladenden Geste zu folgen.
»Weißt du, ich habe sie am Geruch erkannt«, sage ich als ich mitten in ihrem Wohnzimmer stehe und nicht recht weiß, wohin jetzt mit mir. »Es duftet bis in meine Wohnung. Der Duft von Heimat.«
»Du kommst aus Hamburg?«
»Ja, genau wie du…«
»Woher weißt du das?«
»Hatte ich so im Gefühl«, lüge ich.
Sie lächelt.
»Setz dich doch. Wie trinkst du deinen Kaffee?«, fragt sie.
»Schwarz«, antworte ich und setze mich auf ihr rotes Sofa. Mir gefällt, wie sie einzelne Fragen überspringt, von denen sie denkt, die Antwort bereits zu kennen. Und… nun ja … Franzbrötchen ohne Kaffee? Undenkbar.
Der Kaffee kommt aus einer Thermoskanne und fällt dampfend in einen bauchig getöpferten Becher. Sie selbst gießt sich in einen blau-beigen Kaffeebecher mit Marienkäferkranz nach.
Sie reicht mir einen Teller mit noch warmen Franzbrötchen. Sie duften nicht nur mega… sie sehen auch noch so aus. Wie gemalt. Wie damals, die von meiner Lieblingsbäckerei Körner.
Speichelbäche fluten meinen Mundraum. Ich greife zu.
Sie lächelt.
Den ersten Bissen genießen wir schweigend. Ich kaue und schmecke und schlucke. Und bin in einem Himmel aus Zimt, in dem ich die Augen schließen muss. Wie mensch das halt so macht, um alles genau zu spüren.
Sie weint wieder etwas. Stumm, ohne Schluchzen.
»Hast du schlimm Heimweh?«, frage ich mutig.
»Manchmal«, sagt sie leise. »Dann backe ich Franzbrötchen.«
»Ich kann dich verstehen! Und das ist wirklich nicht einfach so daher gesagt. Ich bin seit 3 Jahren aus Hamburg weg und ich bekomme immer noch Heimweh, wenn der Duft von Franzbrötchen in meine Wohnung weht.« Oh Mist, ich glaube, das war jetzt nicht besonders hilfreich und ermutigend. Ein Witz könnte nicht schaden, denke ich. Aber ich kenne keine Witze. Ich versuche es mit einer Anekdote. »Weißt du, manchmal mache ich mir einen richtigen Spaß. Ich gehe zu Rossmann und frage nach einem ‚Feudel‘. Einfach so. Und ich freue mich, dass mich niemand versteht.«
»Amüsant«, sagt sie. Todernst, ohne ein Wimpernzucken, ohne zu lachen.
Mich hingegen zerreißt es vor lachen. Ich pruste Franzbrötchenkrümmel über ihren kleinen weißen Tisch.
Das endlich findet sie witzig und lacht auch.

Wir rauchen eine an ihrem Balkonfenster. Wir reden wenig, wir glotzen auf ihren schönen Baum. »Von deinem Fenster ist der Blick darauf viel schöner, als von mir aus«, sage ich.
»Dankeschön«, sagt sie.
Als ich die Zigarette in ihrem Aschenbecher ausdrücke, seufzt sie, als würde sie sich Luft machen, oder noch einmal besonders gründlich durchatmen.
»Was machen wir jetzt mit deinem Heimweh?«, frage ich.
»Hm, wegessen, vielleicht.« Und sie müht sich zu einem schiefen Grinsen. »Ich versuche mir immer wieder zu sagen, Heimat sei keine Stadt und kein Land, eher ein Gefühl. Schau mal, ich habe mir sogar einen Post It an die Pinnwand geheftet, damit ich es nicht vergesse.« Sie zeigt auf eine Pinnwand voller bunter Zettel, die auf einer Staffelei an der Wand hinter mir lehnt. Ich überfliege die Sprüche und finde den zum Thema Heimat.
»Willst du denn zurück nach Hamburg?«
»Nein, jetzt nicht. Ich würde mich fühlen wie ein Tourist. Und die habe ich in Hamburg am meisten gehasst.«
Wir lachen. Auch meine Erinnerungen sind lebhaft.
»Und ehrlich… ich fühl mich wohl hier. Es ist eine bunte Stadt, ein schönes Haus und ich habe wirklich liebe Nachbarn«, sagt sie und mein Herz macht sich wieder auf Richtung Kehlkopf.
Ich nicke.
»Wenn’s ganz dicke kommt, ich hätte da noch ein Rezept für Labskaus«, sage ich.
Sie wirft ihren Kopf in den Nacken und lacht, so herzhaft und süß. Sie lacht bis ihr wieder Tränen laufen, glückliche Tränen. Damit und mit dem Duft von Franzbrötchen kann ich leben.

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